Civitas Medievalis

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Kindheit im Mittelalter

Kindheit im Mittelalter

Die Kinder und der Tod

Risikoreiche Schwangerschaften und Geburten kennzeichneten das Mittelalter(1). Die Müttersterblichkeit, insbesondere bei Erstgebärenden, war hoch. Dennoch wurde eine Frau, die nicht verhütete und regelmäßigen Geschlechtsverkehr hatte, ungefähr alle zwei Jahre schwanger. Hohen Geburtenziffern stand eine hohe Sterbeziffer der Kinder gegenüber. Diese fielen seuchenartigen Kinderkrankheiten wie beispielsweise Keuchhusten Diphtherie, Röteln
und Masern zum Opfer(2). Laut "Enfance au Moyen Age"(1) erreichten ein Drittel der Kinder nicht das Alter von fünf Jahren und nur jedes zweite feierte seinen zwanzigsten Geburtstag, auch wenn dieses nur gemittelte Werte wiedergibt. In guten Zeiten überlebte der Großteil der Kinder, in anderen, wie zu Zeiten der Pest 1348, starben hingegen fast alle. Trotz der Zerbrechlichkeit ihrer Existenz, die in den Augen der Eltern ihr Überleben der ersten Monate nach der Geburt unsicher machte, waren die Kinder erwünscht und von Zuneigung umgeben. Sorgfältige Bestattungsriten, wie beispielsweise die zwischen 1959 bis 1965 ausgegrabenen Gräberfeld Espenfeld in Thüringen, geben Hinweise auf eine Wertschätzung des verstorbenen Kindes auch bei niederen Gesellschaftsschichten(2). Erwähnt sei an dieser Stelle der Säuglingsversuch Friedrich II, der Anweisung gab, mehrere Säuglinge zwar mit dem physisch Notwendigen zu versorgen, jedoch nicht mit ihnen zu sprechen oder sie zu liebkosen, da er in Erfahrung bringen wollte, welche Sprache sie sprechen würden - alle diese Säuglinge starben(3). Generell kann man davon ausgehen, dass sich die Sterblichkeit bei Säuglingen um 10 % und bei Kindern insgesamt um wenigstens 40 % bewegte. Es fällt auf, dass mehr als ein Drittel der im Spätmittelalter belegten Namen die Benennung von vorher verstorbenen Kindern der gleichen Familie wieder aufgenommen hat. Dies ist als Ergebnis der Kindersterblichkeit zu deuten. Kinder belegen zwischen 30 und 40 % der mittelalterlichen Friedhöfe, wo sie sorgfältig begraben wurden. Anhand der Knochenfunde kann man erkennen, dass sie beispielsweise im Frühmittelalter spät, zwischen 18 Monaten und drei Jahren abgestillt wurden, dies stellte einen guten Schutz vor Rachitis dar. Weiter zeigt das Alter der Kinder zum Zeitpunkt ihres Todes gefährliche Etappen des Kinderlebens an: vier Jahre, das Alter frühzeitiger Autonomie; 10 Jahre, das Alter in dem die Jungen anfingen, zu arbeiten; ihren Allgemeinzustand, der meist gut war, dank einer Ernährung, die in den ersten Lebensjahren auf Milch und Cerealien basierte. Die Jüngsten wurden an den am meisten geweihten Orten der Kirche beerdigt; die Ältesten unter der Regenrinne, damit ihre Körper stets im von der Passage über das Kirchdach geweihten Regenwasser gebadet wurden. Die anderen wurden auf dem Vorplatz, der im Lateinischen Paradisius genannt, gruppiert. Dies zeigt, wie sehr man sich bemühte, sie möglichst dicht an Gott heranzubringen. Was Föten betraf: winzige Tomben wurden manchmal bei den Grundsteinen der Kirche oder an den Wasserzuleitungen zum Taufbecken eingesenkt, damit sie bis in alle Ewigkeit im geweihten Wasser gebadet würden. Nur die Neugeborenen, die man vor ihrem Tod nicht hatte taufen können, waren vom Friedhof ausgeschlossen, ohne Hoffnung auf das Paradies und schließlich in die Hölle verbannt. Vom XI. bis XII. Jahrhundert an waren die Eltern so besorgt und ängstlich in Anbetracht dieses schrecklichen Schicksals, dass sie einen neuen Ort erfunden haben, den Limbus der Kinder. Obwohl diese Kinder niemals die Hoffnung auf den glücklich machenden Anblick von Gottes Antlitz hatten, verbrachten sie wenigstens die Ewigkeit ohne zu leiden, unbeweglich, die Augen geschlossen. Durch diese Angst der Eltern entwickelten sich "Heiligtum auf Widerruf"(1). Tote Kinder wurden dort deponiert, bis man ein wie immer geartetes Lebenszeichen an ihnen entdeckte, um sie taufen zu können. Reflexbewegungen waren zugelassen, jegliches Anzeichen einer Gefühlsregung; fast immer fand ein Wunder statt und zahlreiche Kirchen spezialisierten sich auf diese Art von Wunder.

Neugeborene erhielten für die Juristen nicht im Moment ihrer Geburt, sondern wenige Sekunden später, wenn sie ihren ersten Schrei taten, ihren Status als Kind. Dieser Schrei wurde als juristischer Akt gewertet: Das Baby sicherte sich so sein Anrecht auf die väterlichen Erbschaft; falls es vor seiner Mutter starb, konnte diese es beerben. Dank dieses ersten Schreis konnte der Vater die Mitgift seiner Frau behalten, falls diese im Kindbett starb, und musste sie nicht, wie es der Brauch wollte, ihren Eltern zurückgeben; ein Neugeborenes zum Schreien zu bringen war also eine Notwendigkeit für das Wohlergehen der gesamten Familie.

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Achter Monat, mittelalterlich und sehr bequem
verpackt. Ostern 2006, Eyneburg (B)


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